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title: Angst ist (d)eine Zukunftsfantasie
description: Angst kann uns blockieren, doch sie birgt auch das Potenzial zur Veränderung. Entdecke, wie du deine Kraft durch das Überwinden von Scham aktivieren kannst.
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[Martina Blaser – Blog](https://www.martinablaser.com/blog)

# [Angst ist (d)eine Zukunftsfantasie](https://www.martinablaser.com/blog/angst_zukunftsfantasie)

 Geschrieben von [Martina Blaser](https://www.martinablaser.com/blog/author/mbl) | 23.10.26, 15:09

Ich habe kürzlich eine Beobachtung gemacht, die mich zum Nachdenken über Angst gebracht hat.

Wenn ich Angst habe, verengt sich mein Blick. Von all den Möglichkeiten, wie etwas ausgehen könnte, scheint plötzlich nur noch eine einzige realistisch: nämlich genau das Szenario, das ich mir gerade selbst ausmale. Ich sehe nur noch diese eine Zukunft vor mir. Und logisch richtet sich in mir alles darauf aus, den schlimmstmöglichen Ausgang zu verhindern.

Das Schöne ist: Angst ist immer zukunftsgerichtet. Gunther Schmidt, Begründer der hypnosystemischen Ansätze, formuliert es sinngemäss so: Wer Angst hat, hat Zukunft.

Genau da lässt sich ansetzen. Denn solange ich Angst habe, denke ich noch an eine mögliche Zukunft. Zugegeben, noch nicht unbedingt an eine positive. Aber immerhin nach vorne.

Allerdings endet diese Zukunft in meiner Vorstellung oft an einem ganz bestimmten Punkt: bei dem Ereignis, vor dem ich mich so sehr fürchte. Ich kreiere mir einen völlig abstrakten, meist überhaupt nicht zeitgebundenen D-Day, der bedrohlich über mir schwebt.

Diese ständige Bedrohung und das Ausweichen vor ihr kosten nicht nur Energie. Sie versperren auch den Blick auf das, was dahinter liegen könnte. Beides ist ein echter Verlust für die persönliche Entfaltung.

### Drama on.

Kürzlich nahm ich an einem Online-Seminar teil, dem vierten und letzten einer Reihe. Das Thema war Zielsetzungen im Business-Kontext.

Mit Zielen stehe ich zugegeben auf Kriegsfuss. Ich weiss, dass sie mir helfen, voranzukommen. Gleichzeitig fühle ich mich durch die konkrete Ausformulierung oft schon in meinen Möglichkeiten eingeschränkt. Was anderen Sicherheit und Kontrolle vermittelt, nämlich genau festzulegen, wann, wie und wo etwas geschehen soll, löst bei mir eine erstaunliche Abwehr aus.

Und so befand ich mich erneut im Struggle – irgendwo zwischen Zielsetzung und Umsetzung. Ich war in unserer Gruppe damit wohl nicht allein, denn die Mentorin reagierte mit einer deutlichen Ansage. Sie konnte nicht nachvollziehen, weshalb wir unsere Ziele nicht konsequenter verfolgten. Sachlich betrachtet hatte sie durchaus Argumente auf ihrer Seite. Das sah ich ein.

Bei mir löste ihre Ansprache allerdings weit mehr aus als die Erkenntnis, dass ich meine Ziele nicht erreicht hatte. Ich fühlte mich beschämt. Und dann nahm eine ganze Abfolge von Reaktionen ihren Lauf, die ich durchlebte und spannenderweise fast gleichzeitig beobachten konnte.

Mein erster Impuls war, ihr im Chat recht zu geben. Ich erkannte darin ein altes Muster: möglichst schnell wieder Harmonie herzustellen, damit ich mich in der Beziehung sicherer fühle.

Als das nicht die erhoffte Erleichterung brachte, folgte der nächste Schritt: Selbstabwertung. Denn wenn ich mich selber beschäme, dann kann es niemand anderes mehr tun. Ich lebte das Drama voll aus. Als ich als Nichtraucherin mit einer Zigarette (mhm, Drama on, ich sag's ja) auf dem Balkon stand und in die Nacht starrte, bemerkte ich etwas Spannendes: Noch während ich gerade so schön in Fahrt und auf dem Weg ins emotionale Tal war, empfand ich plötzlich Trotz. Und Wut. Und ganz schnell entwickelte sich daraus eine ziemlich kraftvolle, kompromisslose «Jetzt ist eh alles scheissegal»-Haltung – aus der ich paradoxerweise in die Umsetzungsenergie kam.

Ausgerechnet in diesem Zustand begann ich genau die Aufgaben abzuarbeiten, deren Prokrastination mich zuvor überhaupt erst in diese Situation gebracht hatte.

Als Durchlebende war ich nun voll im Flow. Es fühlte sich an, als würde ich mich am Boden eines Tauchbeckens mit aller Kraft abstossen und wieder nach oben tauchen.

Als Beobachterin dieser Szenerie war ich irritiert. Was war da gerade passiert?

### Hinter der Angst lag meine Kraft.

Ich begann, meine bisherige Erklärung für mein Aufschieben infrage zu stellen. Vielleicht ging es gar nicht in erster Linie um meine Abneigung gegen Ziele. Vielmehr hatte ich mich so sehr davor gefürchtet zu scheitern, weil ich das damit verbundene Gefühl der Beschämung nicht erleben wollte.

Nur war das Kind jetzt bereits in den Brunnen gefallen. Das Schlimmste, was ich mir ausgemalt hatte, war gerade eingetreten. Und dahinter lag Freiheit, Gestaltungskraft und Umsetzungsenergie. Alles, was ich zuvor gebraucht hätte, um das als beschämend erlebte Ereignis zu verhindern.

Da stellte ich mir die Frage: Was, wenn ich dieses Muster für mich nutzen könnte?

Ich meine damit nicht, dass Beschämung nötig ist, um ins Handeln zu kommen. Und ich möchte auch nicht romantisieren, wie ich in diesem Moment mit mir umging. Aber ich hatte etwas entdeckt, das mich neugierig machte: Meine Angst vor einem bestimmten Gefühl hatte mich stärker blockiert als die Aufgabe selbst.

In der Zeit danach beobachtete ich mich weiter. Und tatsächlich fiel mir auf: Wenn ich mich gedanklich in diesen Moment der Beschämung zurückversetzte und mir vergegenwärtigte, dass das Schlimmste, was ich mir ausgemalt hatte, bereits eingetreten war, kam ich leichter ins Handeln.

Der gefürchtete Punkt X hatte seine Bedrohlichkeit verloren. Und damit wurde Energie frei, die mir zuvor nicht zugänglich gewesen war.

### Was liegt hinter deinem Punkt X?

Meine Beobachtung hat mir eine neue Perspektive auf mein Aufschieben eröffnet. Vielleicht ging es gar nicht darum, dass ich nicht ins Handeln kommen *konnte*. Vielleicht versuchte ich, etwas zu vermeiden, das sich für mich bedrohlicher anfühlte als die Aufgabe selbst.

Was mich daran besonders fasziniert: Ich hatte weder bewusst wahrgenommen, wovor ich mich eigentlich fürchtete, noch erkannt, welche Kraft mir zur Verfügung stand, sobald ich nicht mehr versuchte, dieses Gefühl um jeden Preis zu vermeiden.

Was wäre, wenn wir unser Verhalten manchmal weniger als Fehler betrachten würden, den es zu korrigieren gilt, und mehr als Hinweis, dem es sich neugierig nachzugehen lohnt?

Vielleicht liegt hinter dem Aufschieben die Angst vor dem Scheitern. Hinter dem Rückzug die Angst vor Zurückweisung. Hinter dem ständigen Kontrollieren die Befürchtung, die Kontrolle zu verlieren.

Und vielleicht richten wir so viel Energie darauf aus, einen bestimmten Punkt in unserer Zukunft um jeden Preis zu vermeiden, dass uns gar nicht mehr bewusst ist, welche Möglichkeiten wir uns damit verbauen.

Das bedeutet nicht, dass wir unsere Ängste einfach überwinden müssen. Oder dass hinter jeder Blockade eine verborgene Superkraft wartet. Aber es könnte sich lohnen, den Blick hinter das X zu wagen.

Denn Angst entwirft eine Zukunft. Aber oft zeigt sie uns nur eine einzige Möglichkeit aus all dem, was tatsächlich vor uns liegen könnte.

 

#### **Reflexion**

- Was ist dein persönliches X, dem du ausweichst?
- Welches Ereignis oder Gefühl vermeidest du?
- Was könnte hinter deiner Blockade liegen, das du bisher noch gar nicht sehen konntest?

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